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International Law
: Handakte WebLAWgDas Sterben der anderen
By Handakte
Christoph Schlingensief hat aus seiner Krankheit ein Buch, ein Theaterstück und eine Homepage gemacht.
Von vier Bewohnern dieses Landes wird einer an Krebs erkranken; und ein großer, ein sehr großer Teil der Erkrankten wird daran sterben. Keiner kann sich davor schützen, auch die allergesündeste Lebensweise bewahrt nicht davor; jeden kann es jederzeit treffen, in vielerlei Formen und an allen Organen; Organen, an deren Vorhandensein der gesunde Mensch nie gedacht hat, am Omentum, der Fettmembran, die die Eingeweide einhüllt, am Zwölffingerdarm, am Zungenboden; und immer so, dass die Diagnose sofortige und nur allzu berechtigte Todesangst auslöst.
Keine andere Krankheit ruft bei ihrer bloßen Erwähnung solches Entsetzen hervor; sie spielt in unserer wohltemperierten, wohltherapierten, der Tragik so weit wie möglich abgekehrten Gesellschaft den Part des blinden, heimtückischen Schicksals, das seine Zähne ins Fleisch des Opfers schlägt und nicht ablässt, bis es tot ist.
Da es sich so verhält und jeder das auch weiß, erstaunt die Debatte der jüngsten Zeit darüber, ob Literatur sich mit dieser Krankheit und diesem Leiden (denn beides wird sorgfältig geschieden: Krankheit meint den biophysischen Befund, Leiden die gesellschaftliche Wertigkeit und das individuelle Erleben) überhaupt beschäftigen sollte.
Und wenn das zugestanden wird, dann werden doch Zweifel laut, ob die grässlichen Details in ihrem engen Fokus auf das Ich oder den nächsten Angehörigen dem Leser nicht besser erspart würden. Banalität und Taktlosigkeit werden beklagt – als wären Angst und Schmerz für den, dem sie widerfahren, jemals etwas Banales: Riesengroß müssen sie für ihn werden. (…)
Quelle: Süddeutsche vom 21.09.2009
Full post as published by Handakte WebLAWg on September 23, 2009 (boomark / email).

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